Argumente gegen das Zeitgeschehen

Wo: ganz woanders!
 Sprötze
Wann:21.05.20 um 11:00 Uhr
Was:Workshop
Kurz:Workshops zu Wohnungsnot im Kapitalismus und die Rolle der Frau im Kapitalismus

DIEVERANSTALTUNGMUSSLEIDERAUSFALLEN

An dem offenen Workshopwochenende werden umfangreiche Workshops zu zwei verschiedenen Themen angeboten. Ausführliche Daten und Anmeldung unter www.zeitgeschehen.net

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Die Frau im Kapitalismus
Juristisch gleichgestellt, moralisch geachtet, schlecht behandelt

Heutzutage ist die Frau dem Mann rechtlich gleichgestellt und sexuelle Annäherungen und Taten von Männern gegen ihren Willen sind verboten. Frauen stellen die Mehrheit der Abiturienten, in vielen Studiengängen sogar die Mehrheit der Studenten und haben manche vordem als Männerdomänen bekannte Berufsfelder erobert. Nichtdestotrotz bleiben Frauen in der Arbeitswelt schlechter gestellt, bleiben mehrheitlich bei ihrer Frauenrolle in der Familie und erfahren noch immer genug Diskriminierung, Gewalt und sexuelle An- und Übergriffe.

Wie erklärt sich diese Diskrepanz?

Aktivistinnen der Geschlechtergerechtigkeit führen den Kampf dagegen, indem sie gegen die Männerwelt Aufstellung nehmen und ihr vorwerfen,

nach wie vor in patriarchalem Denken und überholten Rollenbildern der Geschlechter zu verharren,
und den Frauen die Anerkennung und die ihnen gebührende Selbstbestimmung zu verweigern.
Mit ihrer Forderung nach Respekt vor der gleichberechtigten Rolle der Frau rennen sie überall – in Politik, Öffentlichkeit und schon gleich im akademischen Bereich – offene Türen ein. Bis auf ganz konservative Kreise, die vom traditionellen Familienbild nicht lassen wollen, gibt es keine Stimme, die vor den Frauen als vollwertigen, beruflich und überhaupt selbst bestimmten Mitgliedern der Gesellschaft nicht den Hut ziehen würde. Überall gibt es Gleichstellungsbeauftragte, Frauenförderung und Frauenlehrstühle; an Unis, im linken Milieu und in manchen Behörden ist das „Gendern“ verbreitet: In der Sprache, durch die Modifikation von Wörtern und Grammatik, wird dem weibliche Geschlecht die Ehre erwiesen.

Nur rührt dieser Fortschritt, dass Frauen Respektbezeugungen erhalten, offensichtlich und prinzipiell nicht an den Gründen der gesellschaftlichen Positionen und Rollen, auf die die Frauen festgelegt sind.

Es bleibt bei dem Befund: Offizielle Rechtslage, offizielle Moral und allgemein bekräftigter guter Wille stehen in Diskrepanz zu der diskriminierenden Praxis im Arbeits- wie im Privatleben. Woran liegt es, dass die offizielle Moral sich von der praktisch gelebten so trennt?

Als Antwort soll auf dem Workshop folgender Gegenstandpunkt diskutiert werden:

Der Grund für die Lage der Frau im Kapitalismus existiert im Hier und Heute, in den ökonomischen Abhängigkeitsverhältnissen, die auch die Privatsphäre mit bestimmen – nicht im Kampf der Geschlechter und der Rückwärtsgewandtheit vieler Männer. Wer Geld für seinen Lebensunterhalt und den der Familie verdienen muss, also die große Mehrheit der lohnarbeitenden Bevölkerung, ist auf einen Arbeitgeber angewiesen, der nach seinen ökonomischen Interessen an Gewinn und Wachstum die Bewerber und Bewerberinnen sortiert und bezahlt. Gegenüber Frauen wie Männern heißt der unternehmerische Standpunkt: Den Dienst, der zu erbringen ist, so billig wie möglich einkaufen.

Warum Frauen bei dieser Gleichbehandlung regelmäßig schlechter wegkommen, welche Rolle dabei der Institution der Familie zukommt, und wie sich in den üblichen Bemühungen beider Geschlechter, unter diesen wirtschaftlichen Existenzbedingungen das Leben zu organisieren, die Sozialcharaktere der Geschlechter bilden, gilt es auf dem Workshop zu klären.

Die zwei Themenkomplexe des Workshops:

Kapitalistischer Arbeitsmarkt und Berufshierarchie – oder: die Antwort auf den „Gender Pay Gap“:
Das Verhältnis von Haupternährer und Zuverdienerin – oder: Warum werden Frauen überwiegend auf den unteren Stufen einsortiert, arbeiten in schlecht bezahlter Teilzeit, in sog. typischen Frauenberufen und klettern die Karriereleiter selten hoch?
Familie und Lebenspartnerschaften – Die gemeinsame Organisation von Arbeit und Leben als gegenseitiges privates Glücksversprechen, als Gegenwelt zu den Härten der Konkurrenz:
Warum geht diese kompensatorische Rechnung bzw. Lebensplanung nicht auf? Welche Rollenaufteilungen mit welchen gegenseitigen Erwartungen bestimmen den Familienalltag, wenn er die allgegenwärtige Not an Zeit und Geld weg organisieren soll? Warum werden aus den Glücks-Versprechungen und der Liebe dann zumeist Schuldvorwürfe und Enttäuschungen über das daneben gegangene Lebensglück? Der Standpunkt des Rechts auf Erfüllung von Familien- und Liebespflichten, mit denen die Partner sich nicht nur wechselseitig traktieren, sondern zudem vor dem eigenen Selbstbewusstsein Bestand haben wollen: Die Quelle von Psychoterror bis zur Gewalt?

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Die Wohnungsfrage
So alt wie der Kapitalismus

Es herrscht akute Wohnungsnot. Wie immer mangelt es nicht an guten Vorschlägen, wie diesem Problem zu begegnen ist: Aktivisten protestieren gegen Auswüchse der Spekulation und Preistreiberei, die man politisch allemal verbieten oder bremsen könnte. Forderungen nach harschen Mietendeckeln, gar Enteignung werden laut. Auf der anderen Seite warnen Grund- und Eigentümergesellschaften: Wenn man den Eigentümern Vorschriften macht und Fesseln beim Mietpreis anlegt, dann lohnen sich Investitionen in neue Wohnungen nicht mehr. Wohnraum wird knapp und dann – da kennen sie sich aus – steigen die Mieten doch nur noch weiter. Das Gegenteil – Abbau von Schranken im Bau- und Mietrecht – würde helfen.

Mehr Freiheiten oder stärkere Beschränkungen für das Geschäft – so die konträren Vorschläge an den Staat, der das Wohnungsproblem lösen soll. Welche Seite hat nun Recht? Oder sollte man der offensichtlichen Unversöhnlichkeit von Renditeansprüchen von Immobiliengesellschaften und Lebensbedürfnissen der Menschen nicht auf den Grund gehen. Dazu ein paar Hinweise und Fragen, die auf dem Workshop diskutiert werden sollen.

Wohnungsmangel mitten im hochentwickelten Kapitalismus, in dem doch sonst aus jeder beschränkten Zahlungsfähigkeit ein Geschäft gemacht wird? Wohnungsbaugesellschaften mögen wegen steigender Grundstückspreise nicht mehr investieren. Grund und Boden – und damit das Wohnen, das auf ihm stattfindet – ist offenbar keine Ware wie jede andere. Eher eine Schranke, da für eine bloße Produktions- und Lebensbedingung von ihren Nutzern ein Tribut an die Grundeigentümer zu entrichten ist. Wie gehen die Rechnungen von Grundeigentümern und Kapitalisten?
Besitz von Grundstücken und Immobilien machen eine ziemliche Karriere in der Marktwirtschaft. Als eigener Sektor handelbarer Güter werden diese zum Spekulationsobjekt, also zur veritablen Kapitalanlage. Wie geht dieser Wandel von einer Schranke des Geschäfts zur Kapitalanlage mit ausgezeichneten Renditeerwartungen? Wofür muss die Miete dann geradestehen?
Mieter zahlen das, was die andere Seite verlangt. Aus ihrem Einkommen. Das ist von den Arbeitgebern offensichtlich nicht darauf berechnet, Mietzahlungen abzudecken. Was hat demnach ihre Rolle als Mieter mit der Quelle ihres Einkommens zu tun?
Der Staat stellt sich der „Neuen sozialen Frage“: Er erlässt Mietpreisbremsen und fördert die Bauwirtschaft, gibt also den oben erwähnten konträren Auffassungen irgendwie gleichermaßen Recht. Geht so die Lösung des Wohnungsproblems oder sorgt er dafür, dass die Wohnungsfrage der Dauerbrenner der Sozialpolitik bleibt?
Linke Kritiker fordern radikal ein Verbot der Spekulation und die Enteignung. Wollen sie damit gesagt haben, dass die Wohnungsnot eine Systemfrage ist? Zeugt ihr Verweis auf das Grundgesetz nicht eher von dem Glauben, dass der Staat im Prinzip alles heilen könnte, was er mit seiner Garantie des Privateigentums in Kraft setzt?